Im Anschluss waren die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, ein Parallelgedicht zu Bürgers Version zu verfassen. Sie sollten dabei Hierarchien in ihrem Leben aufzeigen und in Sprache fassen. Es bestand jedoch auch die Möglichkeit, den kreativen Schreibauftrag auf humorvoll-komische Weise umzusetzen. Die Ergebnisse zeugen von großem Ideenreichtum und Kreativität der Klasse:
Gottfried August Bürger
Der Bauer
An seinen durchlauchtigen Tyrannen
Wer bist du, Fürst, dass ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wagenrad,
Zerschlagen darf dein Ross?
Wer bist du, Fürst, dass in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebleut
Darf Klau und Rachen haun?
Wer bist du, dass durch Saat und Forst
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet wie das Wild? -
Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Ross und Hund und du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.
Du Fürst hast nicht bei Egg und Pflug,
Hast nicht den Erntetag durchschwitzt.
Mein, mein ist Fleiß und Brot! -
Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyrann!
Der Schüler
An seinen tyrannischen Lehrer
Wer bist du, Lehrer, dass du denkst,
Wir Schüler sei’n Maschinen,
Darfst uns behandeln, wie du willst?
Wer bist du, Lehrer, dass du meinst,
Dein Fach sei das wichtigste,
Obwohl es, weiß Gott, nicht so ist!
Wer bist du, dass du unsere Zeit
Mit Lernen und Hausaufgaben verschwendest?
Uns keine Zeit für Vergnügen lässt?
Die Noten, Lehrer, die du uns gibst.
Zerschlagen unsere Hoffnung
Und rauben uns die letzte Lust.
Du, Lehrer, hast nicht das Recht,
Unsere Zukunft zu verbauen,
Uns das Träumen zu verbieten.
Ha! Wer geht da noch gern zur Schule?
Ihr macht euch das Leben selber schwer.
Erinnerst du dich nicht an deine Jugend?
Karolin Härtl und Astrid Schilling
Die Jeans
An ihren Träger
Wer bist du, Träger, dass ohne Scheu,
Zerreißen mich dein Sturz,
Verwaschen du mich darfst?
Wer bist du, Träger, dass du mich benutzt,
als wäre ich nur zu deinem Schutze da,
bin ich dir denn nichts wert?
Wer bist du, Träger, mich zu zerschneiden,
Um deines Willen gerecht zu werden,
Mein Willen zählt wohl nicht?
Meine Nähte, die du zerstörst,
Um die du dich nie gesorgt,
Sind mein ein und alles.
Die Löcher an den Knien,
Die du einfach nicht beachtest,
Werden immer größer.
Du denkst, ich gehöre dir,
Wäre dir treu und dein für immer.
Oh, du täuschst dich, mein unachtsamer Träger.
Michael Sandner
Der Bauer
An seinen durchlauchtigen Staat
Vom Volk fürs Volk bist du gewählt.
Du hast uns zu unterstützen
Und nicht auszunützen!
Wer bist du, dass du nicht eingreifst,
Wenn Öl und Strom teuer wie nie?
Wie kann auf’s Feld ich fahren?
Wie kannst Du nur mein teures Korn
Als Motorantrieb einsetzen,
Wenn viele verhungern?
Was musst du alles umkrempeln,
Was bisher stets gut gewesen?
Gentechnik, mein danke!
Warum zahlt man für alles mehr
Nur meine Arbeit schätzt du nicht,
auch Milch hat ihren Preis!
Stefan Lehner