Interview mit Herrn Rupert Appeltshauser

Im Anschluss an die Lesung interviewten Sabine Junghans und Morena Brunner Herrn Rupert Appeltshauser.

Auf die Frage, ob der Mauerfall noch ein Zukunftsfilm sei, antwortete Herr Appeltshauser, dass es darauf ankommt, wie man es verarbeitet, da die Mauer in den Erinnerungen immer noch da ist, weil man es nie für möglich gehalten hat, selbst beim Mauerfall dabei zu sein. Und genau aus diesem Grund ist dieses Ereignis auch noch heute zum Teil ein Zukunftsfilm.

Der Buchautor fuhr zur Zeit der Mauer oft in die DDR, um dort seine Verwandten zu besuchen. Für ihn war zu Beginn der Reise immer eine gewisse Beklemmung dabei. Vor allem durch die äußere und abschreckende Fassade der DDR. Außerdem begleitete ihn ständig die Angst, dass etwas Ungeplantes geschehen kann. Trotzdem entwickelte sich sogar, während der innerdeutschen Entspannung, ein persönliches Verhältnis zu den Grenzleuten, denn obwohl sehr genaue Kontrollen durchgeführt worden sind, verhielten sich die Wächter an den Grenzen freundlich.

Herr Appeltshauser verbindet mit dem Mauerfall größtenteils positive Gefühle, da dieser damit eine Vergrößerung seines Lebensraums darstellt, denn einfach in den Thüringer Wald zu fahren, um dort zu wandern oder Ski zu fahren, hat doch einiges für sich.

Mit der Zeitreise in die deutsch-deutsche Vergangenheit verbindet Herr Appeltshauser nur positive Gefühle. Die Sommerferienzeit bei seinen Großeltern in der DDR war für ihn auch ein Stück Freiheit, da Großeltern mit ihren Enkeln anders umgehen als Eltern mit ihren Kindern.

Für den Autor kam es jedoch nie in Frage, in die DDR zu ziehen, denn trotz der schönen Ferienorte wollte er dort nicht leben, da er war vom politischen System nie überzeugt war.

Die Unterscheide zwischen BRD und DDR bezogen sich nicht auf materielle Dinge, sondern vor allem auf Werte, Ausbildung und Familienverhältnisse. So herrschte im Osten eine völlig andere Lebensorientierung als im Westen. Die Menschen im Westen, so erklärte Rupert Appeltshauser, hatten viel weitläufigere Möglichkeiten, um beispielsweise ihr Abitur abzuschließen und um zu studieren. Zusammenfassend ist zu sagen, dass die "Wessis" nicht annähernd so stark an Berufsstruktur und soziale Verhältnisse gebunden waren wie "Ossis".

Auch heutzutage, 20 Jahre nach dem Mauerfall, scheint es, als ob die Mauer noch in den Köpfen der Deutschen existiert. Viele Bürger aus der ehemaligen DDR beziehungsweise aus der ehemaligen BRD haben immer noch Vorurteile gegenüber den Mitbürgern aus dem Osten beziehungsweise Westen. Appeltshauser äußert sich zu diesem Sachverhalt sehr kritisch, denn man kann die Vergangenheit nicht einfach ruhen lassen, da es sowohl im Osten als auch im Westen eine Ideologie gab. Jedoch war die westdeutsche Einstellung teilweise viel überheblicher als die ostdeutsche. Hinzu kommt, dass den ostdeutschen Mitbürgern manchmal das selbstständige Denken fehlt, da sie zur Zeit der Mauer vom Staat abhängig waren und ihnen somit das Denken abgenommen worden ist.

Nach der Meinung Appeltshausers werden die Menschen auch noch nach 50 Jahren über dieses wichtige Ereignis sprechen, jedoch werden keine gegenseitigen Vorurteile mehr zu finden sein.

Erst kürzlich präsentierte ein Fernsehsender eine Quizshow, in der Bürger aus dem Westen gegen Bürger aus dem Osten antraten und auf die Frage, ob man solche Shows verbieten sollte oder ob solche Shows in Ordnung seien, denn schließlich ist Deutschland seit 20 Jahren vereint, antwortete der Buchautor, dass diese Shows ein Konkurrenzverhältnis hervorrufen, da die Klischees wieder erneuert werden und so wieder Mauern in den Köpfen der Deutschen errichtet werden.

Die Schüler in Deutschland haben diese interessante Zeit selbst nicht miterlebt, doch lernen die sie viel darüber zum Beispiel im Geschichtsunterricht. Für Herrn Appeltshauser ist es wichtig, dass die neue Generation einen Einblick in die damalige Zeit bekommt, da ein Mensch, der sich in Geschichte nicht auskennt, wie ein Mensch ist, der sein Gedächtnis verloren hat. Und man kann diese Zeit der kommunistischen Diktatur genauso wenig verdrängen wie die Zeit in der nationalsozialistischen Diktatur.

Eine weitere wichtige Frage bezog sich auf den Aspekt, warum ein im Westen lebender Bürger sich dazu berufen fühlt, ein Buch über den Osten zu schreiben. Herr Appeltshauser erklärte dies so, dass natürlich viele authentische Berichte von ostdeutschen Bürgern vorhanden sind, diese vielleicht jedoch nicht mit der nötigen Distanz dieser Zeit verfasst worden sind. Er wiederum als Westdeutscher kann dieses Ereignis mit dem nötigen Abstand angehen und so die Sachverhalte aus einer anderen Perspektive beleuchten.

Die abschließende Frage an den Autor Appeltshauser war diese, was er den Schülern des Otto-Hahn-Gymnasiums mit auf ihren weiteren Lebensweg geben will. Darauf, heiter lächelnd, wünscht er den Schülern viel Erfolg in der Schule, aber auch viel Glück im Beruf.

 

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