„Nehmen Sie Ihre Organe nicht mit in den Himmel...“

Schülerinnen und Schüler des Otto-Hahn-Gymnasiums stellen Podiumsdiskussion auf die Beine

Großen Zulaufs erfreute sich am Freitag die Informationsveranstaltung „Nehmen Sie Ihre Organe nicht mit in dem Himmel...auf der Erde retten Sie Leben!“, zu der das Projektseminar „Grundfragen des Menschen“ des Otto-Hahn-Gymnasiums Marktredwitz in Kooperation mit dem Klinikum Fichtelgebirge eingeladen hatte. Das Thema „Organspende“ wurde aus medizinischer, juristischer und theologischer Sicht umrissen; zwei Betroffene verliehen dem Thema eindringlichen Bezug zur Realität.
Was ist ein „Projektseminar“? Studiendirektor Norbert Leeb, der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer speziell dieses Seminars seit rund eineinhalb Jahren betreut, erläuterte zu Beginn der Veranstaltung in der Cafeteria des Klinikums Haus Marktredwitz dem Publikum diese neue Unterrichtsform des achtjährigen Gymnasiums: Gegen Ende ihrer Schulzeit sollen die angehenden Abiturienten sich intensiv mit einem gesellschaftlich relevanten Thema beschäftigt haben und dies in einer passenden Form praktisch umsetzen. Das Thema „Organspende“ sei Teil des Projektseminars im Fach Katholische Religionslehre und für Grundfragen wie „Was zählt der Mensch? Geht es in unserer Gesellschaft vor allem um Geld oder ist die Würde des Menschen noch unantastbar?“ prädestiniert. Leebs Dank galt vor allem Martin Schmid, dem Geschäftsführer des Klinikums, der sich im Vorfeld mehrere Male mit den Projektteilnehmern getroffen und sie tatkräftig unterstützt hatte.
Die beiden Moderatorinnen Lara Gerwens und Anna-Lena Häcker erteilten Dr. Hermann Klaue, Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie am Klinikum Fichtelgebirge, das Wort für das erste Statement. In Deutschland, aber nicht überall in Europa, gebe es folgende Kriterien für eine Organentnahme, informierte der Arzt: Der Hirntod müsse nachgewiesen, eine Absichtserklärung des Spenders zweifelsfrei vorhanden und Kontraindikationen (zum Beispiel Tumor, HIV) beim Spender ausgeschlossen sein. Außerdem sei die Organentnahme und –vergabe in einem strengen Koordinierungssystem („Eurotransplant-Zone“) geregelt. So dürften zum Beispiel die beiden Ärzte, die unabhängig voneinander den Hirntod des potenziellen Organspenders feststellen, an der Entnahme und Transplantation nicht mehr beteiligt sein. Ein besonderer Fall, so Klaue, sei die Lebendspende, die und nur für Verwandte ersten Grades und Ehegatten erlaubt werde. Die grundsätzliche Machbarkeit, so der Mediziner, werde auch noch mit anderen Kriterien „verrechnet“: Die Kosten einer einfachen Nierentransplantation betrügen 50.000 bis 60.000 Euro und würden nach circa zwei Jahren die Kosten der Dialyse aufwiegen. Eine neue Leber schlage bereits mit 80.000 bis 120.000 Euro zu Buche. „Unsere Gesellschaft wird sich wohl oder übel die Frage stellen müssen: Was darf ein Monat oder ein Jahr Überleben für den Betroffenen kosten?“ Dabei sei der Bedarf enorm: Etwa 30 % der Patienten, die ein Spenderorgan benötigen, stürben in der Wartezeit. Deshalb werde auch immer wieder gefragt, ob Organspende gesetzlich zur Pflicht gemacht werden sollte.
Rechtsanwältin Kathrin Glaser beleuchtete das Thema aus juristischer Sicht, wobei sie gleich vorausschickte, dass das Thema in ihrem beruflichen Alltag so gut wie nie vorkomme. Sie selbst halte das bestehende Transplantationsgesetz (1997 in Kraft getreten, 2007 reformiert) an sich für eine gute Lösung. Grundsätzlich rate sie jedem, eine Entscheidung zu treffen – und dies auch zu dokumentieren. 67% der Bevölkerung sei nach Schätzungen zur Organspende bereit, nur 17% besäßen jedoch einen Organspendeausweis. Für die Angehörigen sei es nicht leicht, eine Entscheidung nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen treffen zu müssen, wenn nichts Schriftliches vorliege. Zurzeit sei eine „Widerspruchslösung“, wie sie zum Beispiel in Österreich herrsche, hierzulande wieder stark in der Diskussion.
Jürgen Herr, Theologe, Pfarrer und Religionslehrer am Otto-Hahn-Gymnasium, sprach sich aus christlicher Sicht deutlich für die Bereitschaft zur Organspende aus: „Jeder Christ wird auch getauft, um anderen Menschen zum Heil zu werden – und wenn man mit seiner Organspende einem Nächsten neues Leben schenkt, ist das ganz nahe an der Botschaft des Evangeliums.“
Sehr berührend waren für die Zuhörer die Erfahrungsberichte von Elfriede Gloge, die seit acht Jahren mit einer Spenderniere lebt, und Matthias Schnurrer, der sich vor zwei Jahren beidseitig einer Lungentransplantation unterziehen musste. Die Beschreibung ihrer langen Leidenswege, der Hoffnungen, Enttäuschungen, Risiken und schließlich der gelungenen Eingriffe machte den Sinn und die Notwendigkeit von Organspenden nicht nur auf der verstandesmäßigen, sondern vor allem auf der emotionalen Ebene eindringlichst klar.
Geschäftsführer Martin Schmid, in dessen 9jähriger Tätigkeit am Klinikum Fichtelgebirge bisher ein einziges Mal eine Organentnahme zu verzeichnen war, zeigte sich am Ende der Veranstaltung sehr beeindruckt vom Engagement der Schülerinnen und Schüler: „Solche Projekte müssen unterstützt werden. Wie wir heute Abend gesehen haben, ist die Wirkung nach außen enorm!“


Infokasten:
Diese Schülerinnen und Schüler nahmen am Projektseminar teil:
Lara Gerwens, Nina Göritz, Anna-Lena-Häcker, Raphael Heldmann, Timo Kellner, Tanja Mai, Janine Thoma und Kathrin Wegmann. Seminarleiter war Studiendirektor Norbert Leeb

 

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