Hof/Marktredwitz - Hohe Arbeitsbelastung, großer Lerndruck, Schulstress pur: Die Vorwürfe an das achtjährige Gymnasium und die "Neue gymnasiale Oberstufe" reißen nicht ab. Schülerinnen und Schüler suchen nach Auswegen, den Druck zu lindern. Am 12. Februar finden in Kempten, Augsburg, München und Bayreuth Demonstrationen statt (siehe Artikel links). Viele Eltern möchten ihren Kindern jahrelanges Pauken nicht mehr zumuten. Laufen bald den Gymnasien die Schüler weg?
So könne man das noch nicht sagen, betont Hans Dietrich, Schulleiter an der Staatlichen Fachoberschule Hof. "Wir haben allerdings mehr Anfragen. Viele wollen bereits zum Halbjahr wechseln, was nicht geht." Was aber geht: Die Fachoberschulen bieten neuerdings 13. Klassen an - und damit auch den Abschluss der fachgebundenen oder der allgemeinen Hochschulreife. Letztere ist dem des Gymnasiums völlig gleichgestellt.
Wechsel mit mittlerer Reife
Dazu ist der Weg verhältnismäßig einfach: Ein Gymnasiast wechselt nach der 10. Klasse mit der mittleren Reife an die Fachoberschule. Hat er die zweite Fremdsprache am Gymnasium mit mindestens Note 4 abgeschlossen, macht er ganz normal die 11., die 12. Klasse an der Fachoberschule und sattelt noch die "FOS 13" drauf.
650 Schüler hat derzeit die FOS in Hof. Pro Jahr steigern sich die Schülerzahlen um durchschnittlich zehn Prozent. "Die Übertrittszahlen sind völlig anders als sie die demografischen Faktoren erwarten lassen", sagt Schulleiter Dietrich. Dennoch: Der Anteil der Gymnasiasten, die übertreten, liege bei lediglich 15 bis 20 Prozent.
"Bei uns sind es viel weniger", sagt Hans-Ottmar Donnert, Schulleiter der Fachoberschule in Marktredwitz. Wer nicht mit der zweiten Fremdsprache vom Gymnasium an die FOS wechsele, aber die Hochschulreife dort erhalten möchte, müsse in der 12. und 13. Klasse die Sprache belegen. "Das kann Italienisch, Französisch, Latein, Spanisch oder Russisch sein", erzählt Donnert und sagt: "Wer da vier Stunden pro Woche zusätzlich belegen muss, tut sich nicht leichter." Dass es für Gymnasiasten dann in der Tat leichter sein könnte als für Schüler von der Haupt-, Real- oder Wirtschaftsschule, sei natürlich vorstellbar.
Erfahrungswerte hat die Schule in Marktredwitz nicht. Sie ist erst zwei Jahre alt und bietet deshalb bislang nur eine 11. und eine 12. Klasse an. "Wir hatten auch erst ein, zwei Anfragen von Gymnasiasten zum Wechsel", sagt Donnert. Einen Wechsel vom benachbarten Gymnasium auf seine Fachoberschule zögen "relativ wenige" derzeit in Betracht.
Sorgen und Kritik
Die Sorgen und die Kritik ihrer Schülerinnen und Schüler nehmen die Gymnasien indes ernst. Inzwischen wollen sie gegensteuern - wohl auch, um eine mögliche "Massenflucht" zu verhindern. "Wir hatten eine Versammlung für das Q11", berichtet Rainer Schmidt, Schulleiter am größten Hofer Gymnasium, dem Schiller-Gymnasium. Auch er weiß um den "leichten Weg über die FOS", der von vielen, die sich am Gymnasium schwer tun, derzeit als Königsweg gehandelt werde. "Die Schüler der elften Jahrgangsstufe fühlen sich stark gefordert, was in verschiedenen Fächern total unterschiedlich ist", so die Bilanz des Schulleiters nach der Besprechung. Der Redebedarf ist da, weiß Schmidt. Noch flüchten die Schülerinnen und Schüler nicht von seiner Schule. "Ich habe den Eindruck, dass schon erst mal alle versuchen, auf dem Gymnasium zu bleiben."
Der hohen Arbeitsbelastung für die Gymnasiasten will die Schulleitung am Otto-Hahn-Gymnasium in Marktredwitz entgegentreten. "Wir arbeiten an ein paar Stundenplan-Tricks, damit der Unterricht auf zwei Nachmittage pro Woche beschränkt wird", betont Schulleiterin Gertraud Nickl, "Chefin" über 1030 Schülerinnen und Schüler.
Ihre Erfahrung: "Die Eltern sind hellhöriger geworden, als es noch im Vorjahr der Fall war." Will heißen: Heuer wollen die Eltern wissen, welche Seminare die Schule anbietet. "Das Angebot sollte auch auf die Homepage unserer Schule", berichtet Nickl und zieht den Schluss: "Die Eltern sind am G8 angekommen."
So hätten sich Eltern wie Schüler Seminare in Naturwissenschaften gewünscht. "Das konnten wir nun auch erfüllen", sagt Nickl. Ständig stünde das Lehrerkollegium mit den Schülern in Kontakt. "Natürlich ist die Arbeitsbelastung im Q11 objektiv höher als früher", sagt sie. "Die Kleinen wurden geschont, jetzt sind am Ende noch Stunden übrig." Deshalb hofft sie, dass es möglich sein wird, die vielen Unterrichtsstunden an den Nachmittagen auszudünnen. "Wenn nur noch zwei Nachmittage übrig bleiben, ist die Luft schon etwas raus und die Schüler haben dann zusammenhängende Arbeitszeiten, um zu lernen."
Bald Muster-Abiprüfungen
In Kürze werde das Ministerium Muster-Abiturprüfungen frei geben. "Wir müssen den Schülern etwas an die Hand geben", sagt Schulleiterin Nickl. Sie ist der festen Überzeugung, "wenn erst mal das erste Abitur im G8 gelaufen ist, dann ist auch die Sorge der Schülerinnen und Schüler kleiner".
Dass der Jahrgang, der in Marktredwitz dem Abi entgegen steuert, beim G8 Probleme haben wird, glaubt sie nicht. "Der Jahrgang ist top, die Leute machen gut mit", erklärt Gertraud Nickl, die für die Ängste Verständnis äußert. "Sie sind halt leider die Speerspitze auf dem neuen Weg zur Hochschulreife."
Von Kerstin Dolde
FRANKENPOST 06.02.2010