Herr S. und die EU

Gar nicht so einfach war das richtige Zusammensetzen eines Europa-Puzzles. Foto: Bäumler

Die Gymnasiasten diskutieren mit Politikern über das Image Deutschlands. Für Landtagsabgeordneten Martin Schöffel ist die Vorstellung von den Vereinigten Staaten Europas ein "Alptraum".

Peter Meyer bringt es auf den Punkt: "Genießen Sie Europa." Damit hat der Vizepräsident des Bayerischen Landtags beim Europatag des Otto-Hahn-Gymnasiums auch gleich das Ziel der groß angelegten Veranstaltung formuliert: Die Schüler sollten sich bewusst werden, dass Europa noch nie so frei und friedlich war wie heute.
Seit Jahren gilt das OHG als eine der führenden Schulen in der Region, wenn es um die Pflege des europäischen Gedankens geht. Dies war auch der gewichtigste Grund dafür, dass das Institut für europäische Partnerschaft und internationale Zusammenarbeit (IPZ) das Marktredwitzer Gymnasium als eines von vier in ganz Deutschland für die Veranstaltung "Europa ist deine Zukunft - Europa gelingt gemeinsam" auserkoren hat. Die Mitarbeiter des IPZ informierten die Schüler in Arbeitsgruppen über Förderprogramme und Stipendien für Schüler, die EU im Internet oder die Möglichkeiten, in einem anderen europäischen Land zu arbeiten oder zu studieren.
Welchen Stellenwert Europa für die Schüler der elften bis 13. Jahrgangsstufe hat (für diese Jugendlichen war die Veranstaltung konzipiert), zeigte sich bei der Podiumsdiskussion in der Aula. Hier standen die Landtagsabgeordneten Thomas Dechant (FDP), Peter Meyer (Freie Wähler), Martin Schöffel (CSU), der Europaabgeordnete Ismail Ertug (SPD) und der dritte Bürgermeister von Marktredwitz, Horst Geißel, Rede und Antwort. Florian Zeitler wollte etwa wissen, wann die Vereinigten Staaten von Europa verwirklicht würden. Die Politiker waren einhellig der Meinung, dass Europa für eine komplette Vereinigung noch nicht reif sei. Martin Schöffel sprach gar von einem Alptraum, wenn er an die Vereinigten Staaten von Europa denke. "Ich bin ein Befürworter des Subsidiaritätsprinzips. Das heißt, wo es möglich ist, auf unterer Ebene eine Lösung zu finden, ist dies Regelungen von oben vorzuziehen." So sei die Trinkwasserversorgung eine Angelegenheit der Gemeinden und die Schulen eine der Bundesländer. Anders sehe es bei der Terrorabwehr, dem Lenken der Verkehrsströme oder der Außenpolitik aus, das seien Aufgaben von europäischem Belang.
Christian Mundel wollte wissen, wie sich "die Äußerungen des Herrn S. auf das Ansehen Deutschlands in Europa auswirken"? Dass mit Herrn S. der zurückgetretene Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin und dessen Thesen von "dummen Türken" und "Juden mit einem gemeinsamen Gen" gemeint ist, war den Politikern klar. Ismail Ertug war der Ansicht, dass sich Deutschland über Jahrzehnte ein hervorragendes Image erarbeitet habe. "Die Äußerungen Sarrazins wirken sich sicherlich nicht direkt auf den deutschen Einfluss auf die EU aus. Unsere Nachbarn sehen aber durchaus mit Wohlwollen, wie sensibel die Deutschen mit dem Thema umgehen." Auch die übrigen Abgeordneten hielten die imageschädigende Wirkung der Sarrazin-Affäre für eher gering. Martin Schöffel gab zu bedenken, "dass Sarrazin zwar in manchen Dingen überzogen und sich dafür zurecht entschuldigt hat, aber manche Inhalte sind im Kern richtig". Wer in Deutschland oder in anderen Ländern lebe, müsse sich an die jeweiligen Spielregeln halten und sich integrieren. Dass dies möglich sei, beweise Marktredwitz.
Dem pflichtete dritter Bürgermeister Horst Geißel bei. "Hier hat man schon in den 80er Jahren Kontakt zu den türkischen Einwohnern gesucht. Heute gibt es viele Veranstaltungen, die die christlichen Kirchen mit dem Islamischen Kulturverein gemeinsam organisieren." Geißel wies auch auf das Wunsiedler Bündnis hin, "wo es mit Hilfe des rührigen Bürgermeisters gelungen ist, Vorreiter in der Arbeit gegen Rechts zu werden".
Peter Meyer, der aus Wunsiedel stammt, sagte, dass Deutschland es sich trotz aller Erfolge wegen seiner Geschichte nicht leisten könne, rechte Tendenzen zu tolerieren. "Wenn in einem anderen europäischen Land hirnlose Nazis mit Hakenkreuzfahnen rumlaufen, hat das einen anderen Stellenwert als in Deutschland." Matthias Bäumler
FRANKENPOST 25.09.2010

Seit 47 Jahren Austausch mit La Mure

Als eine regelrechte Europaschule stellte Schulleiterin Gertraud Nickl das Otto-Hahn-Gymnasium den Politikern beim Europatag vor. "Wir können 47 Jahre auf den Schüleraustausch mit La Mure zurückblicken, der vor 27 Jahren zur Städtepartnerschaft führte." Seit Anfang der 80er Jahre gebe es eine Partnerschaft mit Bassano del Grappa in Italien und seit drei Jahren einen Austausch mit Schulen in Prag. Aus geographischen Gründen bemühe sich das OHG besonders um die Pflege der Nachbarschaft zu Tschechien.

Lust auf Politik von unten

Horst Geißel im Gespräch mit den Gymnasiasten. Foto: Matthias Bäumler

Dritter Bürgermeister Horst Geißel wird von Jugendlichen "gelöchert". Er ermuntert die Schüler, sich politisch zu engagieren.
Marktredwitz - Ohne Europa wäre Marktredwitz ärmer. Für den dritten Bürgermeister der Großen Kreisstadt ist dies unbestritten, wie er etwa 30 Gymnasiasten in einem lockeren Gespräch beim Europatag der Schule verdeutlichte. So hätten weder die grenzenlose Gartenschau noch der Wallenstein-Radweg oder die neue Rutschbahn im Freibad verwirklicht werden können, wenn die Europäische Union die Investitionen nicht kräftig mitfinanziert hätte.
Während des Europatages am OHG betonten alle Politiker, dass eine Demokratie vom Engagement der Bürger, also von unten, abhängig sei. Eine Schülerin wollte deshalb von Horst Geißel wissen, was sie erwarte, wenn sie einer Partei beitrete. "Das hängt ganz davon ab. Aber jede Partei hat immer wieder Veranstaltungen, die man besuchen kann. Hier kann sich jedes einzelne Mitglied einbringen." Selbstkritisch merkte der dritte Bürgermeister an, "dass die Parteien und Gruppierungen wahrscheinlich zu wenig auf die Jugendlichen zugehen".
Das bestätigte ein Schüler. Er wisse gar nicht, was die Parteien in Marktredwitz wollten. Geißel empfahl den Jugendlichen, sich beim regelmäßig stattfindenden Jugendtalk zu beteiligen oder auch mal eine Stadtratssitzung zu besuchen. "Was sind die Themen des Stadtrats ?", fragte ein Jugendlicher. Der zweite Bürgermeister berichtete, dass das Gremium derzeit die Jahresrechnung 2009 beschäftige. "Unser Problem sind die Finanzen. Wir müssen einerseits sparen und wollen andererseits mehr leisten als die Pflichtaufgaben einer Kommune. Denn ohne Bäder oder eine Bücherei ist Stadt nicht lebenswert. Und wenn eine Stadt nicht lebenswert ist, will niemand in ihr wohnen."
Dieses Dilemma griff eine Schülerin aus Arzberg auf. "Bei uns ist es noch schlimmer als in Marktredwitz. Es ist schrecklich zu erleben, was aus meiner Stadt geworden ist." Beinahe ebenso schlimm empfand sie es, dass sie sich in Arzberg bei einer Partei engagieren wollte, aber ihre Anfrage ein Jahr lang unbeantwortet blieb.
Ob es noch andere politische Jugendorganisationen außer der Jungen Union gebe, interessierte ein Mädchen. Geißel schmunzelte: "Gewiss, aber die sind in der Region offenbar weniger bekannt." Matthias Bäumler

"Nur ein Jahr Sozialkunde"

Noor Schukur leitet seit zwei Jahren Diskussionsveranstaltungen im OHG. Die aus dem Irak stammende Schülerin ist 20 Jahre alt und besucht die K 13.
Seit wann beschäftigen Sie sich mit Europa?
Wenn ich ehrlich bin, war mit die Europapolitik bis vor einigen Jahren egal. Aber seit einem politischen Seminar in Berlin habe ich kapiert, dass Europa uns alle angeht.
Ist Europa auch für Schüler relevant?
Aber sicher. Zum einen sind Schüler die zukünftigen Wähler, zum anderen bietet Europa viele Chancen, etwa in der Arbeitswelt.
Welchen Stellenwert hat die politische Bildung am Gymnasium?
Leider einen zu geringen. Ich habe nur ein Schuljahr lang Sozialkunde gehabt und das nur eine Stunde in der Woche. Aber zum Glück haben wir engagierte Lehrer, die uns in vielen Fächern immer wieder für Politik begeistern und Zusammenhänge erklären.
Sie stammen aus dem Irak. Wie unterscheidet sich die Schulkultur?
Im Irak ist die Kluft zwischen Schülern und Lehrer größer. In Deutschland herrscht ein freundschaftliches Verhältnis. Das Gespräch führte Matthias Bäumler

 

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