Runder Tisch gegen Rechts im Kreis Hof

Einen "Runden Tisch gegen Rechts" gibt es seit Kurzem im Landkreis Hof. Gegründet wurde er auf Vorschlag von Landrat Bernd Hering bei einer Besprechung im Hofer Landratsamt, zu der sich Vertreter von Sicherheitsbehörden, Koordinierungsstellen für Demokratie, Schulen, Kirchen und der Jugendarbeit trafen. Die Arbeitsgruppe soll sowohl anlassbezogene schnelle Hilfe für betroffene Gemeinden leisten als auch langfristige Informations- und Präventionsar-beit in Schulen und Jugendgruppen anregen und unterstützen. Die Ministerialbeauftragten der Gymnasien und Realschulen stellten außerdem Modellprojekte aus ihren Bereichen vor. So veranstaltete das Gymnasium Münchberg nicht zum ersten Mal eine eigene Aktionswoche und das Gymnasium Marktredwitz wird sich in einem Projekt mit rechter Musik beschäftigen.
FRANKENPOST 14.10.2010

Die Verführungskraft rechter Musik

von rechts: Thomas Nagel von der Akademie für neue Medien in Kulmbach und Hans Joachim Stockschläger, Schüler der Jgst. 10

Auch in ihren Liedern arbeiten Rechtsradikale gegen die Klischees von Bomberjacke, Springerstiefel und Glatze. Gymnasiasten erleben eine interessante Unterrichtsstunde.

Unterstützt von der Friedrich-Naumann- und der Thomas-Dehler-Stiftung kamen Tho-mas Nagel von der Akademie für neue Medien in Kulmbach und Hans Joachim Stock-schläger als Referent an das Otto-Hahn-Gymnasium Marktredwitz. In sehr eindrückli-cher und am Schüler (Jgst. 10) orientierter Weise versuchte Herr Stockschläger die Fra-gen „Warum gibt es rechtsradikale Musik?“ und „Warum ist sie ein erfolgreiches Werbe-konzept rechtsextremer Politik?“ zu beantworten.
Lange Zeit war die Musik der einzige Weg, auf dem die Rechtsextremen die Jugend er-reichen konnten. Heute nutzen sie verstärkt auch die sozialen Netzwerke im Internet.
Auf die Frage nach Bands, die rechtradikale Musik produzieren, konnten die Schüler auf Anhieb „Landser“, „Lunikoff“, „Stahlgewitter“, „Störkraft“ nennen und erläutern, das „Böhse Onkelz“ inzwischen nicht mehr der rechten Szene zuzuordnen sind. Auch die Art der Musik konnten sie beschreiben: „schnell, laut, aggressiv, wie Punk“. Herr Stockschlä-ger bot Musikbeispiele und Hintergrundinformationen. Punk entstand durch die Jugend-lichen selbst, ohne „Heile-Welt“ und „auf Party aufgesetzt“. Durch eine jugendnahe Spra-che gewann Herr Stockschläger schnell das Interesse der Schüler der Jgst. 10. Anfangs nutzten die Rechten ausschließlich Punk, um an die Jugendlichen heranzukommen, merkten aber bald, dass man möglichst verschiedene Musikrichtungen nutzen muss, um viele Jugendliche zu erreichen. An einem Beispiel diskutierten die Schüler, warum man auch rechtsradikale Musik auf Englisch gesungen findet: sie ist für Jugendliche, die keine deutschen Texte akzeptieren.
Inhaltlich besetzen die Rechten Themen, die man aus den Nachrichten kennt und die den Menschen auf den Nägeln brennen: keine Arbeit für deutsche Jugendliche, der Staat funktioniert nicht, er kann die Probleme nicht lösen. In die Texte hineingemischt werden dann Schlagworte, die man nie verwenden würde, an die man sich aber nach und nach gewöhnen soll, z. B. „Überfremdung“, „Kanacken“, „Scheiß-System“ u. a. Da der Staat nicht funktioniert, muss man etwas gegen ihn unternehmen: „Krieg“, „Revolution“ und dieses Handeln ist nur von der Jugend zu erwarten. In Gebieten, in denen sich aus Fru-stration die Zivilgesellschaft aus Ehrenämtern zurückzieht, z. B. in Mecklenburg-Vorpommern, übernehmen Rechte aus dem gleichen Grund gerne die Aufgaben in Sport- und Musikvereinen.
Die Medien arbeiten den Rechten gegenüber oft mit Klischees: Glatze, Springerstiefel, Bomberjacke. Deshalb arbeiten sie gegen diese Klischees, auch in der Musik. Als Musik-beispiel steht „Sonderzug nach Mekka“ von den Zillertaler Türkenjägern. Es steht für zwölf deutsche Stimmungshits bekannter Sänger, deren Musik zu einem neuen Text verwendet wird. Die bereits vorher gut mitarbeitenden Schüler merken die Wirkung der bekannten Musik und reagieren mit peinlicher Betroffenheit. Auf die Schülerfrage, war-um sich die Sänger oder Produzenten der Originalhits nicht mit einer Klage wehren, er-halten sie die Antwort, es gäbe keinen Ansprechpartner, den man verklagen könne. Er-örtert wird anschließend die Frage, warum so etwa ankommt: Man kann lachen, Mit-schüler (vor allem ausländische) ärgern, man ist neugierig. Diese These wird bestätigt: Ein Schüler fragt nach einem weiteren Beispiel. Seine Neugier ist geweckt. Neugier wird auch durch skurrile Titel geweckt. Neu auf dem rechten Markt ist z. B. „Merkels Gute-nacht-Geschichten für Kinder von drei bis acht Jahren“.
Besondere Aufmerksamkeit erzeugt auch die Geschichte, wie rechte CD’s auf den Schul-höfen verbreitet werden. Es wird eine „Unterschriftenaktion“ für die Meinungsfreiheit gestartet. Ein Musiker sei in Haft, nur weil er schlechte Musik gemacht habe. Man könne sich vor der Unterschrift gerne die Musik einmal anhören. Egal ob der erste Hörer die Musik gut oder schlecht findet, er wird in jedem Fall am nächsten Tag darüber reden und die CD anderen geben, damit auch die sich ein Urteil bilden können.
Ein Schüler fragt, ob man solche Musik nicht auf den Index setzen könne. Ihm wird er-klärt, dass dies nur bedeute, dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Musik einen Titel für ungeeignet hält, ihn offen zu verkaufen oder Werbung dafür zu betreiben. Ein Verbot dieser Musik ist es nicht.
Abschließend macht Herr Stockschläger von Musikbeispielen unterstützt den Schülern klar, dass man ganz leicht zum „Fremden“, zum „Außenseiter“, zum „Unerwünschten“ erklärt werden kann, banale Gründe können dazu ausreichen. Es gehe nicht nur um eine falsche Politik, was einen auch nicht interessieren könne, sondern es gehe um uns alle, um jeden Einzelnen. Es kann sein, dass unser Staat nicht gut funktioniert, er ist aber das System, das am besten die individuelle Freiheit schützen kann. Mit einem sehr klaren eigenen politischen Bekenntnis fordert Herr Stockschläger die Schüler auf, „Stopp!“ zu sagen, was die Generation in der NS-Zeit versäumt hat. Am Schluss steht der Hinweis auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die die Schüler erstaunlich gut aus dem aktuellen Geschichts- und Sozialunterricht kennen. Gertraud Nickl
FRANKENPOST 03.11.2010

 

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