Otto Hahn (1879 - 1968)

Der Namensgeber unseres Gymnasiums - Begründer des Atomzeitalters

  • Otto Hahn:
  • 1904 Mitglied des Ramsay-Laboratory in London
  • 1905 Rutherford-Laboratory Montreal
  • 1906 Chemisches Institut der Universität Berlin
  • 1912 Professor
  • 1928 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institutes für Chemie
  • 1938 Entdeckung der Kernspaltung zusammen mit Fritz Straßmann
  • 1944 Nobelpreis für Chemie
  • 1946 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.

Kindheit - Jugend - Studienjahre

Otto Hahn wurde am 8. März 1879 in Frankfurt am Main geboren. Sein Vater war Glasergeselle aus Gundersheim bei Worms, der 1875, am Ende seiner Wanderjahre, die verwitwete Charlotte Stutzmann, geborene Giese, aus Frankfurt geheiratet hat. Drei Söhne gingen aus der Ehe hervor: 1876 Heinrich, 1877 Julius und 1879 Otto. Den Sohn der Mutter aus erster Ehe, Karl, geboren 1870, hat der Vater adoptiert.

Frankfurt hatte nach der Einverleibung durch Preußen, 1866, nach dem gewonnenen Krieg von 1870/71 und der damit verbundenen Gründung des deutschen Kaiserreiches einen außergewöhnlichen Aufschwung erlebt. Die stürmische Bautätigkeit wirkte sich förderlich auf die Entwicklung des väterlichen Glaserbetriebes aus, der bald zu einem Unternehmen heranwuchs, das der Familie Wohlstand garantierte und heute weltweit bekannt ist. Karl und Otto besuchten höhere Schulen, Heinrich und Julius erlernten das Glaserhandwerk. Heinrich übernahm später das elterliche Geschäft, Julius eröffnete eine angesehene Kunsthandlung, Karl wurde Altphilologe an einem Frankfurter Gymnasium.

Ihr Bruder Otto dagegen begann nach bestandener Abiturprüfung 1897 das Studium der Chemie, obwohl er an der Klinger-Oberrealschule seiner Heimatstadt weder mit Chemie noch mit Physik gute Erfahrungen gemacht hatte. Rückschauend erinnerte er sich: "Dem Physiklehrer gelang es trotz aller Anstrengungen nicht, uns für Physik zu interessieren. Der Unterricht in Chemie war zum Schlafen langweilig, und doch interessierte ich mich zunehmend für dieses Fach. Mein Abschlusszeugnis zeigte drei volle Einsen, aber nicht etwa in Chemie, Mathematik und Physik, sondern in Turnen, Singen und Religion." An der Universität Marburg, damals einer der besten des Landes, belegte er neben dem ersten Hauptfach Chemie als zweites Hauptfach Mineralogie und zusätzlich Kristallographie. Physik und Mathematik betrieb er widerwillig als Nebenfächer. Selten war er in diesen Vorlesungen zu finden. Wie er später gestand, hat er das dadurch Versäumte nie wieder wettmachen können. Das Hauptkolleg in Chemie bei Professor Theodor Zincke dagegen empfand er als lehrreich. Nach dem zweiten Semester wechselte er für ein Jahr an die Universität München, studierte dort u. a. bei dem bekannten Adolf von Baeyer, dem die Synthese des begehrten Indigos gelungen war, interessierte sich aber auch für Kunst und Kunstgeschichte, wobei ihm die Münchener Gemäldesammlungen eine reiche Fundgrube boten.

Seit 1899 zurück in Marburg, nahm er bei seinem akademischen Lehrer Theodor Zincke eine Doktorarbeit "Über Bromderivate des Isoeugenols" in Angriff. Er reichte die Arbeit im Oktober 1901 ein und bestand die Prüfung zum Dr. phil. mit "Magna cum laude".
Nach Ableistung des einjährigen Militärdienstes im 81. Infanterieregiment in Frankfurt ging er dort als Vizefeldwebel ab. Zu der damals aus Standesdünkel begehrten Charge des Reserveoffiziers brachte es Otto Hahn im Unterschied zu seinen Brüdern nicht. Eigenen Aussagen zufolge hatte er ohne Ehrgeiz gedient: "Man war Soldat, weil es Kaiser und Vaterland so wollten."

Von Oktober 1902 bis Oktober 1904 kehrte Otto Hahn als Vorlesungsassistent in das Institut von Professor Zincke nach Marburg zurück. "Obgleich ich kein sehr geschickter Experimentator war, gingen die Vorlesungen doch ganz gut, und Professor Zincke war zufrieden", stellte Otto Hahn in seinen Lebenserinnerungen in bekannter Bescheidenheit fest. Gelernt hatte er bei Zincke vor allem das systematische und äußerst exakte wissenschaftliche Arbeiten, was ihm später bei seinen Kernforschungen zugute kommen sollte und wofür er auch besonders bekannt war. Doch Wissenschaftler wollte er zunächst nicht werden. Für ihn stand fest, dass er nach Ablauf seiner Assistentenzeit auf dem Gebiet der organischen Chemie in der Industrie tätig sein würde. Die Firma, in der er als Industriechemiker hätte anfangen können, wünschte aber, dass Hahn Fremdsprachen beherrschte. Auf Anraten seines Lehrers Zincke, sollte Hahn einige Zeit nach England gehen. Im Oktober 1904 reiste er nach London, denn es war Zincke geglückt, für seinen Schüler bei William Ramsay am University College einen Arbeitsplatz zu finden.


Bedeutende Förderer: William Ramsay und Ernest Rutherford

Der berühmte William Ramsay hatte im Jahre 1904, als Otto Hahn zu ihm nach London kam, für die Entdeckung der Edelgase Argon, Helium, Krypton, Neon und Xenon sowie für die Analyse der Zusammensetzung der atmosphärischen Luft den Nobelpreis für Chemie erhalten. Die Begegnung mit William Ramsay und die Arbeit in dessen Laboratorium sind für Otto Hahns weiteres Leben entscheidend geworden. Ramsays Arbeitsauftrag an Hahn lautete: "Sie werden über Radioaktivität arbeiten."

Für den organischen Chemiker Hahn war dies überraschend, denn "Radioaktivität" hatte mit der organischen Chemie nichts zu tun und war darüber hinaus ein sehr junges Forschungsgebiet.

Überhaupt leitete erst Wilhelm Röntgen, 1895, mit der Entdeckung der zunächst rätselhaften Strahlen X, die später nach ihm benannt wurden, eine neue Periode der Naturwissenschaften ein. Noch wenige Jahre vorher hatte der bekannte Münchener Physiker Phillip von Jolly dem jungen Max Planck, der im Jahr 1900 das elementare Wirkungsquantum entdeckte, vom Studium der Physik abgeraten, "weil alles schon erforscht" sei.

Ramsay nun war kurz vor Hahns Eintreffen in London mit dem Radium bekannt geworden. Dieses hatte Madame Curie - eine Schülerin Henri Becquerels - 1898 in langen Versuchsreihen aus der Pechblende gewonnen. Die in Paris lebende Polin bewies mit dem Radium, dass es Substanzen der Erde gibt, deren Atome aus eigenem Antrieb zerfallen. Henri Becquerel hatte zuvor, am 1. März 1896, mit Uranpräparaten den Strahleneffekt des Urans entdeckt, wofür der Begriff "Radioaktivität" geprägt worden ist. Nach den Edelgasen interessierte sich Ramsay jetzt für diese radioaktiven Atome.

Gemeinsam mit Frederick Soddy versuchte Ramsay experimentell zu beweisen, dass Helium aus Radium entsteht. Hahns Aufgabe in diesem Zusammenhang war, nach der Methode Madame Curies aus 100 Gramm weißem Bariumsalz 10 Milligramm Radium durch fraktionierte Kristallisation herauszulösen und das Atomgewicht dieses Elements zu bestimmen. Hahn isolierte durch eine komplizierte Verdampfungsmethode aus dem Bariumsalz das gewünschte Radium. Dabei stellte er fest, dass in dem Präparat, das er für Radium gehalten hatte, noch andere radioaktive Substanzen enthalten sein müssen. Mit Hilfe seiner feinen Messmethoden fand er nach langen, aufwendigen Versuchen ein neues radioaktives Element, das Radiothorium. Ramsay, hocherfreut über diese Entdeckung, ermunterte Hahn zu weiterer Erforschung der Radioaktivität: "Mister Hahn, Sie haben ein neues radioaktives Element entdeckt. Das ist eine exzellente Empfehlung. Deshalb sollten Sie bei der Radioaktivität bleiben. Gehen Sie nach Berlin. An der größten deutschen Universität wird es für Sie sicher einen Platz geben, wo Sie ihre Forschungen fortsetzen und sich habilitieren können . . . Doch vorher sollten Sie bei Ernest Rutherford in Montreal arbeiten. Nirgendwo können Sie über Radioaktivität mehr lernen als in seinem Institut."

Nachdem der Direktor des chemischen Instituts der Berliner Universität, Emil Fischer, - wie Ramsay ebenfalls Nobelpreisträger und mit diesem befreundet - zugestimmt hatte, Hahn später weiterzubeschäftigen, bewarb sich Hahn in Montreal. Rutherford sagte zu, und Hahn reiste Mitte September 1905 mit dem Schiff nach Montreal zu dem damals bedeutendsten Kernphysiker. In Rutherfords Institut entdeckte Hahn ein weiteres, bislang unbekanntes Radioelement, das Radioactinium. Nachdem sich Rutherford unentwegt seinem Lieblingsprojekt, den Alphastrahlen, widmete, sollte auch Hahn die Natur der Alphastrahlen untersuchen. Er arbeitete über deren Reichweite und bestimmte unter Rutherfords Anleitung das Verhältnis Ladung : Masse der Alphateilchen. Bei Rutherford lernte er auch, aus einfachsten Mitteln, aus Konservenbüchsen und Tabaksdosen, Elektroskope zur Messung der Alpha- und Betastrahlen herzustellen. Er sah aber auch gemeinsam mit Rutherford über die komplizierte Szintillationsmethode die Alphateilchen als glänzende Lichtpünktchen in stetem Wechsel aufblitzen - und war begeistert.

Mit dem Thorium C fand er schließlich in Rutherfords Institut noch ein weiteres radioaktives Zerfallsprodukt. Rutherford kommentierte: "Hahn has a special nose for discovering new elements." Von Rutherford hatte er viel gelernt. Ihn verehrte er Zeit seines Lebens als sein großes Vorbild. Später waren beide eng miteinander befreundet. Die Monate in Montreal blieben für Otto Hahn bis in das hohe Alter die schönste Zeit seines Lebens. Im Oktober 1906 kehrte er nach Berlin zurück.


Zusammenarbeit mit Lise Meitner

In seiner Habilitation bei Emil Fischer, dem bekannten Berliner Organiker und Nobelpreisträger von 1902, befasste sich Otto Hahn erneut mit Problemen der Radioaktivität. Auch wenn in Fischers Institut damals noch niemand etwas von Radioaktivität verstand und diese junge Forschungsrichtung von den Chemikern eher von oben herab als ein zu vernachlässigendes Nebengebiet betrachtet wurde, so verfolgte Emil Fischer selbst den Fortgang von Hahns Forschungen mit großem Interesse. Hahn seinerseits suchte als junger Privatdozent der Chemie den Kontakt zu den Physikern der Universität. 1907 traf er so mit Lise Meitner zusammen, die als Österreicherin in Wien bei Ludwig Boltzmann theoretische Physik studiert hatte und nach Boltzmanns plötzlichem Tod ihre Ausbildung bei Max Planck in Berlin fortsetzen wollte. Erst als Ende 1908 der preußische Staat auch Frauen das Universitätsstudium gestattete, konnte sich Lise Meitner im Institut frei bewegen.

Lise Meitner und Otto Hahn begannen bald darauf ihre drei Jahrzehnte dauernde gemeinsame Arbeit, die nur durch Hahns Giftgaseinsatz im Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde. Ihre Forschungsergebnisse verhalfen beiden zu internationalem Ansehen und brachten Kontakte zu den namhaftesten Radiumforschern der Welt: zu Marie Curie und Frederick Soddy, zu Enrico Fermi und immer wieder zu Ernest Rutherford. In Berlin arbeiteten Otto Hahn und Lise Meitner mit den Physikern Otto von Baeyer, James Franck und Gustav Hertz gut zusammen. Sehr kurzlebige abgetrennte radioaktive Produkte fixierten sie auf einem Draht und fuhren mit einem Auto eilends zum Physikalischen Institut, wo die genannten Berliner Physiker bei Messungen verschiedenster Art gerne behilflich waren. "Wir waren jung, vergnügt und sorglos - vielleicht politisch zu sorglos", erinnerte sich Lise Meitner später.

Als die Nationalsozialisten 1933 die Regierung übernahmen, weigerte sich Otto Hahn, in die Partei einzutreten. Er verlor daraufhin die Leitung seiner beiden Institute und gab seine Dozentur an der Berliner Universität auf. Lise Meitner konnte sich als Österreicherin jüdischen Glaubens bis zum März 1938 in Berlin noch frei bewegen. Dies änderte sich nach dem Anschluss Österreichs. Jetzt unterstand sie den deutschen Gesetzen. Mit Unterstützung Otto Hahns - für alle Notfälle gab er Lise Meitner einen Brillantring mit - gelang ihr am Morgen des 17. Juli 1938 in aller Heimlichkeit die Flucht nach Holland, von wo aus sie nach Schweden und später nach Cambridge emigrierte.


Die Entdeckung der Kernspaltung (1938)

Der wichtigste Mitarbeiter für Hahn in Berlin wurde jetzt Fritz Straßmann. Wie Otto Hahn zeichneten auch Straßmann wissenschaftliche Akribie und große Energie aus. Wie Hahn hatte sich auch Straßmann geweigert, der NSDAP beizutreten. Beide Forscher widmeten sich jetzt der Aufklärung der Neutronenversuche Enrico Fermis, der die schwersten Atomkerne, die des Urans, mit Neutronen beschossen hatte. Im Dezember 1938 spalteten Otto Hahn und Fritz Staßmann auf einem einfachen Experimentiertisch, der heute noch im Deutschen Museum in München zu sehen ist, den Urankern. Unter der Tischplatte sind mehrere Batterien angebracht, auf dem Tisch Zählrohre, elektronische Verstärker, ein Paraffinblock. Die Kernspaltung fand damals in Berlin-Dahlem, im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, statt.

Hahn, der anerkanntermaßen über die größte Erfahrung in der Trennung chemischer Elemente verfügte, kam bei seinen Bestrahlungsversuchen, wie er zunächst annahm, immer wieder auf ein künstliches "Radium", das sich von einem zugesetzten Barium nicht trennen ließ. Trotzdem war er von dem künstlichen "Radium" nicht überzeugt. Denn absichtlich zugesetzte Radiumisotope ließen sich von der Trägersubstanz Barium trennen. Bei der Aufarbeitung des neutronenbestrahlten Urans funktionierte diese Trennung nicht. Hier musste Lise Meitner weiterhelfen. Am 19. Dezember 1938 schrieb ihr Otto Hahn jenen denkwürdigen, berühmt gewordenen Brief. "Es ist nämlich etwas bei den Radiumisotopen, was so merkwürdig ist, dass wir es vorerst nur Dir sagen . . . Immer mehr kommen wir zu dem schrecklichen Schluss: unsere Ra(-dium)-Isotope verhalten sich nicht wie Ra(-dium), sondern wie Ba(-rium) . . . Vielleicht kannst Du irgendeine phantastische Erklärung vorschlagen . . ."

Bevor noch Lise Meitner antwortete, war Straßmann überzeugt: "Wir haben einwandfrei Barium gefunden." Am 3. Januar 1939 traf die Antwort Lise Meitners ein: "Ich bin jetzt ziemlich sicher, dass ihr wirklich eine Zertrümmerung zum Ba(-rium) habt, und finde das ein wunderschönes Ergebnis, wozu ich Dir und Straßmann sehr herzlich gratuliere."

Im Januar/Februar 1939, nach weiteren umfangreichen Messungen, bestand kein Zweifel mehr: Der Kern des Urans war mit der Kernladungszahl 92 in zwei mittelschwere Kerne - Barium (mit der Kernladungszahl 56) und Krypton (Kernladungszahl 36) - zerlegt worden. Die Formel hierfür lautete:

92U + 0n --> 56Ba + 36Kr (+ Energie).

Beide Kerne hatten einen großen Überschuss an Neutronen. Der Ausgleich erfolgte zum einen durch eine Reihe von ß-Strahlenumwandlungen, zum anderen durch Abgabe überschüssiger Neutronen. In dieser zusätzlichen Neutronenabgabe aber lag die Möglichkeit der Kettenreaktion und damit der praktisch-technischen Nutzung der Atomenergie.

Das Atomzeitalter hatte begonnen.

Verheerende Konsequenz - Die Atombombe

... die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
werd' ich nun nicht los . . .
(Goethe, Der Zauberlehrling)

Für die Kernphysiker wurde rasch deutlich, welch ungeheuere Energiequelle mit der Spaltung des Atomkerns der Menschheit in die Hände gelegt war - ein Danaer-Geschenk, zum Guten und zum Bösen nutzbar. Die Umwandlung eines Kubikmeters Uranoxids U3O8, so berichtete eine Pressemeldung am 15. August 1939, würde genügen, um die Leistung der Reichselektrizitätswerke auf elf Jahre zu ersetzen. Bereits am 2. August 1939 hatte Albert Einstein, der schon 1933 vor der nationalsozialistischen Verfolgung in die USA emigriert war, jenen bekannten Brief an Präsident Roosevelt verfasst, in dem er die Forcierung der Kernforschung, die Sicherstellung von Uranerz und die Produktion einer Atombombe empfahl: "Eine einzige Bombe dieser Art, auf einem Schiff befördert oder in einem Hafen explodiert, könnte unter Umständen den ganzen Hafen und Teile der umliegenden Gebiete völlig vernichten."

Als diese schreckliche Vision am 6. und 9. August 1945 durch die Atombombenexplosionen über Hiroschima und Nagasaki Wirklichkeit wurde, befanden sich die bedeutendsten deutschen Kernforscher in Farmhall auf einem Landsitz in der Nähe von Cambridge interniert. Sie waren in Deutschland von den Engländern gefangen genommen und über mehrere Zwischenstationen am 3. Juli 1945 nach Farmhall gebracht worden: Otto Hahn, Werner Heisenberg, Max von Laue, Carl Friedrich von Weizsäcker, Erich Bagge, Kurt Diebner, Paul Harteck, Horst Korsching, Karl Wirtz und Walther Gerlach, der Otto Hahn besonders nahestand und 1969 bei der 50-Jahr- und Namensgebungsfeier unseres Gymnasiums die Festansprache hielt.

Als Otto Hahn vom Abwurf der Uranbombe über Hiroschima hörte, reagierte er fassungslos und war völlig verzweifelt. Sein Freund Max von Laue, um das Leben Otto Hahns bangend, war die Nacht über bei ihm geblieben. Auch wenn Hahn an der technischen Entwicklung der Atombombe nicht Anteil hatte, so traf ihn diese schrecklichste Konsequenz seiner Entdeckung sehr. Es waren zwei Schüler Max Borns gewesen, Robert Oppenheimer und Eduard Teller, die, unbemerkt von der Öffentlichkeit, mit einem großen Wissenschaftlerstab in Los Alamos in New Mexico (USA) die Bombe entwickelt hatten. Max Born - ein entschiedener Atomwaffengegner - äußerte später über seine beiden Schüler: "Es ist schön, so kluge und tüchtige Schüler gehabt zu haben, und doch wünschte ich, sie wären weniger klug als weise. Nun ist durch ihre Klugheit die Menschheit in eine fast verzweifelte Lage geraten."

Jetzt, nach dem Atombombenabwurf über Hiroschima, durften die deutschen Kernphysiker zum ersten Mal aus Farmhall Briefe nach Deutschland schreiben. Damit wurde deutlich, dass die Internierung der deutschen Kernforscher den Zweck gehabt hatte, eine den Alliierten zuvorkommende Kernwaffenproduktion zu unterbinden. Ebenso sollte ausgeschlossen werden, dass die deutschen Kernphysiker den sowjetischen Besatzern in die Hände fielen. Eine Beteiligung der in Farmhall internierten Physiker an einer deutschen Kernwaffenproduktion hat es aber zu keiner Zeit gegeben. Werner Heisenberg hatte während des Krieges zwar eine Uran-Arbeitsgruppe geleitet mit dem Ziel, einen Reaktor zu bauen. Otto Hahn ist nicht Mitglied dieser Arbeitsgruppe gewesen. Hahn selbst: "Wir hatten keine Ahnung, dass in Amerika Atombomben gebaut worden waren. Wir haben viel darüber diskutiert, und vor allem Professor Heisenberg hat sich bemüht, technische Daten zu erfahren. Ich habe mich nicht so sehr dafür interessiert. Die Einzelheiten über die Bombe habe ich als Chemiker nie recht verstanden, die waren mir zu kompliziert . . . Ich hätte es unter allen Umständen abgelehnt, an einer Atombombe mitzuarbeiten."

Am 16. November 1945 - noch immer in Farmhall in britischem Gewahrsam - erfuhr Otto Hahn aus dem "Daily Telegraph", dass ihm nachträglich der Chemie-Nobelpreis 1944 für seine Entdeckung der Kernspaltung verliehen worden sei. Die Briten untersagten Hahn jedoch, zur Verleihung am 10. Dezember 1945 nach Stockholm zu reisen. Erst am 3. Januar 1946 war die Internierung in Farmhall zu Ende, und die Kernforscher wurden als freie Menschen nach Deutschland zurückgebracht.


Der Nobelpreisträger - Einsatz gegen Atomwaffen

Zurück in Deutschland, musste Otto Hahn zunächst den Vorwurf einiger großer Zeitungen entkräften, die in Farmhall internierten Atomforscher hätten "den Amerikanern die Bombe gebracht". Auch stand die Klärung der Frage an, wer aus dem Kreis der wissenschaftlichen Mitglieder der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft neuer Präsident werden sollte. Denn der bisherige Präsident, der hochangesehene Begründer der Quantentheorie und Nobelpreisträger von 1918, Professor Max Planck, war 88 Jahre alt und aufgrund seines sehr angegriffenen Gesundheitszustandes nicht mehr in der Lage, dieses Amt auszuüben. Die Vollstreckung der Todesstrafe an seinem Sohn Erwin Planck, der als Staatssekretär im Dritten Reich am Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 beteiligt gewesen war, auch der innere, unentwegte Widerstand, den Max Planck der nationalsozialistischen Herrschaft gegenüber geleistet hatte, hatten seine Kräfte gänzlich verbraucht. Max Planck selbst schlug Otto Hahn für das Präsidentenamt vor. Hahns wissenschaftliches Ansehen im In- und Ausland, seine politische Unantastbarkeit, seine Stellung als ältestes wissenschaftliches Mitglied der Gesellschaft wie auch seine sympathische persönliche Art ließen ihn für dieses Amt hervorragend geeignet erscheinen. Hahn nahm die ihm angetragene Aufgabe an. Nach der Umbenennung der "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft" in "Max-Planck-Gesellschaft" wurde diese am 11. September 1946 zunächst für die britische Zone in Göttingen ins Leben gerufen.

Anfang Dezember 1946 konnte Otto Hahn dann die Reise nach Stockholm zur Verleihung des Chemie-Nobelpreises am 10. Dezember "für die Entdeckung der Spaltung schwerer Atomkerne" antreten. Sein Festvortrag vom 13. Dezember 1946 enthielt die erste große Warnung vor den Gefahren der atomaren Aufrüstung: "Die Energie kernphysikalischer Reaktionen ist in die Hand der Menschen gegeben. Soll sie ausgenutzt werden für die Förderung freier wissenschaftlicher Erkenntnis, sozialen Aufbaus und Erleichterung der Lebensbedingungen, oder soll sie missbraucht werden zur Zerstörung dessen, was die Menschen in Jahrtausenden geschaffen haben? Die Antwort sollte nicht schwer fallen."

Zurück in Göttingen, dem Sitz der Max-Planck-Gesellschaft, erreichte Hahn nach langen Verhandlungen endlich die Genehmigung, die Gesellschaft im gesamten Bundesgebiet zu etablieren. Am 26. und 27. Februar 1948 fand die offizielle Gründungsfeier in Göttingen statt. Mit ganzem Einsatz widmete sich der 69jährige Nobelpreisträger jetzt der Aufbauarbeit der wissenschaftlichen Institute im gesamten Bundesgebiet. In vielbeachteten Aufsätzen, Rundfunkreden und Vorträgen warnte er darüber hinaus und unablässig vor dem Vernichtungspotential der tödlichen Strahlen. 1955 organisierte er einen Aufruf der 16 anwesenden Nobelpreisträger auf deren Tagung in Lindau. Als sog. "Mainauer Erklärung" gegen den Missbrauch der Atomenergie ist dieser Aufruf berühmt geworden.

Im Januar 1956 wurde Hahn zum Vizepräsidenten der Deutschen Atomkommission gewählt, deren Vorsitzender der damalige Atomminister Franz Josef Strauß war. Das Jahr 1957 dann brachte harte Auseinandersetzungen mit Bundeskanzler Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß, der jetzt das Amt des Verteidigungsministers innehatte, über Fragen der atomaren Bewaffnung der Bundesrepublik. Die in der Gruppe Kernphysik zusammengeschlossenen Wissenschaftler hatten den Minister in einer gemeinsamen Erklärung gebeten, öffentlich zu erklären, dass die Bundesrepublik auf die Herstellung und Lagerung von Atomwaffen verzichte. Im Falle einer ablehnenden Haltung des Verteidigungsministers wollten die Wissenschaftler ihren Brief veröffentlichen. Strauß reagierte aufgebracht und warf den Wissenschaftlern vor, sie würden gegenüber seinen Bemühungen, Deutschland gegen die Sowjetunion zu stärken, kein Verständnis aufbringen. Am 12. April 1957 wurde ein Textentwurf Carl Friedrich von Weizsäckers tatsächlich der deutschen Tagespresse übergeben. Mit Otto Hahn und Carl Friedrich von Weizsäcker, Fritz Bopp, Max Born, Rudolf Fleischmann, Walther Gerlach, Otto Haxel, Werner Heisenberg, Hans Kopfermann, Max von Laue, Heinz Maier-Leibnitz, dem Festredner anläßlich der 75-Jahr-Feier unseres Gymnasiums, Josef Mattauch, Friedrich Adolf Paneth, Wolfgang Paul, Wolfgang Riezler, Fritz Straßmann, Wilhelm Walcher und Karl Wirtz hatte die Elite der deutschen Atomforscher diesen Text mitunterzeichnet, in dem entschieden vor Entwicklung und Einsatz der so genannten taktischen Atomwaffen gewarnt wurde.

Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß waren erbost. Erst eine weitere gemeinsam mit Adenauer abgestimmte Erklärung brachte Frieden zwischen Bundesregierung und Kernforschern: "Die Atomforscher, die an der Besprechung teilgenommen haben, wünschen zum Ausdruck zu bringen, dass ihr Hauptziel nicht war, nur die Bundesrepublik aus einem allgemeinen Verhängnis herauszuhalten, sondern eine Initiative zu ergreifen zur Abwehr dieses die Welt bedrohenden Verderbens, sie waren der Meinung, in dem Staat beginnen zu müssen, dessen Bürger sie sind."

Dies alles waren erste Schritte auf dem langen Weg, der als Zwischenstation den Kernwaffensperrvertrag vom 1. Juli 1968 und zum Ziel die atomare Abrüstung der beiden Weltmächte USA und UdSSR seit dem letzten Jahrzehnt hatte.

Als Otto Hahn, 81jährig, im Mai 1960 die Präsidentschaft der Max-Planck-Gesellschaft an den Chemie-Nobelpreisträger Adolf Butenandt übergab, da konnte er nicht ahnen, dass infolge eines Verkehrsunfalles im August 1960, bei dem sein Sohn und seine Schwiegertochter in Frankreich getötet wurden, noch einmal eine große Aufgabe auf ihn wartete: die Erziehung seines Enkels Dieter. Auch dieser Herausforderung hat sich der großartige Forscher und Mensch Otto Hahn gestellt.

Seine akribische wissenschaftliche Arbeitsweise, seine menschliche Größe und Bescheidenheit, seine Ausdauer und sein Durchhaltevermögen, sein Mut, seine persönliche und politische Integrität waren und sind vorbildlich. Gerade diese Vorbildwirkung ist es, die ihn als Namensgeber für ein Gymnasium so geeignet macht. Am 28. Juli 1968 ist Otto Hahn gestorben. Auf dem Göttinger Stadtfriedhof ruht er zwischen den Großen seiner "Zunft", zwischen Max Planck, Walter Nernst und Max von Laue. Halten auch wir sein Andenken in Ehren!

Dr. Edmund Neubauer

Literaturangabe:

Baumer, F., Otto Hahn, Köpfe des XX. Jahrhunderts, Bd. 78, Berlin, 1974.
Gerlach, W., Hahn, D., Otto Hahn. Ein Forscherleben unserer Zeit (Große Naturforscher Bd. 45), Stuttgart, 1984.
Hahn, O., Mein Leben, München, 1968.
Hoffmann, K., Schuld und Verantwortung. Otto Hahn, Konflikte eines Wissenschaftlers, Berlin/Heidelberg, 1993.
Stolz, W., Otto Hahn/Lise Meitner (Biographien hervorragender Naturwissenschaftler, Techniker und Mediziner Bd. 64), Leipzig 1989.

Dieser Aufsatz wurde der Festschrift "75 Jahre Otto-Hahn-Gymnasium Marktredwitz" (1994) entnommen.

 

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